Verblindete Vergleiche

Immer wieder ernüchternd, diese verblindeten Vergleiche!!!

Vorab: „verblindet“ heisst nicht dass man mit verbundenen Augen hört, sondern nur, dass man bei einem Vergleich nicht weiß welches Gerät gerade in Betrieb ist.

Verblindete Tests (nicht „Blindtests“, denn diese erheben wissenschaftlichen Anspruch) sind insofern eine ganz böse Sache, weil sie „knallhart“ die Wahrheit aufzeigen. Und diese ist in den meisten Fällen gar nicht erwünscht. Irgendwie verständlich, denn es ist mehr als frustrierend, wenn man viel Geld in eine vermeintlich „bessere“ Komponente oder in „klangverbesserndes“ Zubehör (Kabel&Co) investiert hat und dann womöglich feststellt, dass es tatsächlich gar keinen klanglichen Unterschied gibt. Leider ist das in 99% aller Fälle so. Sogar bei Verstärkern und Disc-Playern.

In den einschlägigen Internetforen wird darüber seit vielen Jahren heftig diskutiert und gestritten. Die „Blindtestgegner“ haben sich dazu spezielle Theorien ausgedacht, um bei ihrer Meinung bleiben zu können. Aber genau genommen sind das alles nur Ausreden, denn die Tatsache, dass sie Sekunden zuvor (noch wissend was gerade in Betrieb ist) angeblich deutliche Unterschiede hören konnten und nach erfolgter Verblindung schlagartig nicht mehr, lastet schwer auf ihren Schultern.
Verblindete Tests (oder Vergleiche) machen aber nur Sinn, wenn man sie absolut seriös durchführt. Das Wichtigste dabei ist, dass man für exakten Pegelausgleich sorgt. Bei Kabel ergibt sich das sowieso von alleine, aber nicht, wenn Elektronikkomponenten miteinander verglichen werden. Tonquellen liefern unterschiedliche Ausgangspegel und Verstärker natürlich je nach Position des Lautstärkestellers auch. Verstärker ohne Lautstärkesteller (Phonoentzerrer und Endstufen) haben unterschiedliche Verstärkungsfaktoren (hat nichts mit der Ausgangsleistung zu tun) und auch D/A-Wandler liefern unterschiedliche Ausgangspegel. Das heißt, für einen fairen Vergleich kommt man um genaue elektrische Messungen und exaktes Justieren nicht umhin. Ein akustischer Hand-Pegelmesser ist ungeeignet, weil viel zu ungenau. Grundsätzlich reicht ein einfaches Multimeter (AC-Stellung) und ein Tongenerator bzw. CD-Player samt Mess-CD (kann selbst erstellt werden) oder ein PC mit installierter Tongenerator-Software. Hat man diese Möglichkeit nicht, braucht man erst gar nicht zu beginnen, weil nichts Brauchbares dabei rauskommt. Bei Verstärkern kann man mit den eingebauten Lautstärkestellern die Pegel angleichen und dabei direkt an den Lautsprecherausgängen messen. Bei Tonquellen ist das nicht mehr so einfach, weil das „lautere“ Gerät ausgangsseitig ohne Qualitätsverlust „leiser“ gemacht werden muss.
Bei Verstärkern, die Potentiometer für das Einstellen der Lautstärke verwenden, wird man feststellen, wie ungenau diese im unteren Stellbereich arbeiten. Ist ein Balancesteller vorhanden, kann man versuchen, damit das Gröbste auszuregeln. Ansonsten bleibt nur eine Mittelung übrig, die aber dazu führen kann, dass es beim Vergleich zu einer leichten Verschiebung der virtuellen Mitte kommt und das macht einen fairen Vergleich schwierig bis unmöglich.

Bei Lautsprechern sind verblindete Vergleiche nur unter ganz speziellen Voraussetzungen machbar. Der Idealfall wäre eine Drehbühne, aber da wird es dann wirklich kompliziert. Das gilt auch für den notwendigen Pegelausgleich, wegen dem stark schwankenden Schalldruckverlauf. In jedem Fall müsste man ein Rauschsignal verwenden, aber auch damit könnte man nur annähernd gleichen Pegel einstellen. Zum Glück ist es aber ohnehin unumstritten, dass jeder Lautsprecher anders klingt. Derartige Tests kann man sich somit weitgehend sparen, obzwar es unter Garantie auch dabei so manche Ernüchterung geben würde (ist keine Annahme, sondern Fakt, denn es gab solche Tests schon).

Meine Erfahrung, dass fast Jeder der unverblindet testet (gilt ebenso für mich), der Suggestion bzw. dem berühmten Placebo-Effekt (durch positive/negative Erwartungshaltung) erliegt, wurde schon hunderte Male bestätigt. In dem Moment wo gesagt wird: „so, und jetzt hören Sie mal…..“ (die behandelte/unbehandelte CD, MP3/lossless, das teure/billige NF-Kabel, das teure/billige Netzkabel, teure/billige Komponenten, etc.), passiert etwas, das einem hypnoseartigen Kommando gleichkommt! 9 von 10 Testpersonen reagieren darauf. Sie glauben dann tatsächlich, einen Klangunterschied zu hören, der in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Gibt es diese Kommandos nicht (wie beim verblindeten Vergleichen), fällt dieser Effekt weg und die Realität bleibt übrig. Schlimm ist die Tatsache, dass die HiFi Magazine mit ihren Testberichten genau diese Kommandos auslösen. Auch in Form von „Workshops“, vor anerkennend nickendem Publikum (wer gibt schon gerne zu, dass er keinen Unterschied hören kann?).
Besonders peinlich kann es werden, wenn eine Testperson bewusst „beschummelt“ wird und – obwohl nur so getan wurde als ob etwas verändert wird –  dennoch behauptet, dass „das jetzt völlig anders (besser, schlechter) klingt“. Dieser böse Trick funktioniert praktisch immer! Einen eindeutigeren Beweis für eine stattgefundene Suggestion kann es wohl nicht geben!

Noch ein wichtiger Nachtrag: wenn es schon nicht möglich ist, bei direkter und unmittelbarer Umschaltung Unterschiede auszumachen, wie glaubwürdig können dann Aussagen von Testpersonen sein, bei denen  es oft Minuten/Stunden/Tage/Wochen zwischen den Hördurchgängen gab? Jede Änderung an einer Anlage (z. B. das Umstecken von Kabel oder das Einlegen einer anderen CD) dauert eine Zeitspanne, die viel zu lang ist, um sich Klangeindrücke so genau zu merken wie es für derartige Vergleiche notwendig wäre. Noch dazu ist die Musikwiedergabe nichts Statisches (wie beispielsweise zwei Fotos die man nebeneinander vergleicht) und das macht die Sache noch schwieriger!