Gibt es „Verstärkerklang“?

Gibt es „Verstärkerklang“ – bzw. klingen Verstärker unterschiedlich?

Diese Frage gibt es, seitdem es HiFi gibt. Die einzige richtige Antwort darauf ist: ja, aber nur bei Verstärkern, die etwas falsch machen.
Diese Antwort gefällt den HiFi-Enthusiasten natürlich gar nicht, weil sie ja ständig nach „besser klingenden Geräten“ suchen. Und wenn sie dann tatsächlich einen Verstärker gefunden haben der in ihren Ohren besser klingt, nehmen sie einfach an, dass dieser irgendetwas besser macht als alle anderen mit denen sie verglichen haben. Ist dieser Verstärker dann auch noch ordentlich teuer, ist die HiFi-Welt für sie in Ordnung.
Wie falsch sie damit liegen, das verstehen sie nicht, weil ihnen der technische Background dazu fehlt. Dabei ist die Sache doch so einfach!

Was macht ein idealer Verstärker?
Er arbeitet wie ein „Draht der verstärken kann“. Das heisst, er verstärkt ohne Klangverfälschung. Und das ist gar keine schwierige Aufgabe, geschätzte 90% aller der sich am Markt befindlichen Verstärker machen genau diesen Job. Mit dem Preis hat das fast nichts zu tun, bereits sehr billige Transistorverstärker können das (Röhrenverstärker nicht bzw. nie).
Deshalb sind die meisten Verstärker bei verblindeten Vergleichen klanglich nicht auseinander zu halten, sie klingen alle gleich. Zur Verblüffung aller derer die so noch nie verglichen haben, gibt es dann keinen hörbaren Unterschied zwischen guten ganz billigen Verstärkern und „sündteuren Boliden“ die oft das ‚zigfache kosten – jedenfalls nicht bei üblichen Lautstärken.
Aber!
Verstärker die technische Fehler machen, können  „besser gefallen“, das ist Fakt! Dagegen wäre auch gar nichts einzuwenden, gäbe es nicht ständig dazu die Absolutaussage, dass ein derartiger Verstärker den anderen überlegen sei, denn aus technischer Sicht ist genau das Gegenteil ist der Fall.

Was passiert dabei tatsächlich?
Das eigentliche Problem ist, dass Lautsprecher für einen Verstärker keine konstante Last darstellen, sondern dass sich – je nach Frequenz die ihnen zugeführt wird -, deren Widerstandswert ändert.
Stromstabile Verstärker (also solche mit hohem Dämpungsfaktor) reagieren darauf nicht, sie liefern bei jeder Frequenz die gleiche stabile Spannung und passen den nötigen Stromfluss der jeweiligen Last an.
Anders bei „weichen“ Verstärkern, die sich von der schwankenden Lastimpedanz beeinflussen lassen. Je nachdem welche Lautsprecher angeschlossenen sind und je nachdem wie deren Impedanz schwankt, „spiegeln“ sie dazu ihren Spannungsverlauf. Umso „weicher“ sie sind, desto mehr. Sie verlassen ihre Linearität, sie „sounden“ und dadurch klingen sie „anders“.
Das kann man sogar als mehr oder weniger technischer Laie selbst messen, dazu genügen eine pegelkonstante Spannungsquelle, die verschiedenen Sinus-Frequenzen im Hörbereich liefert (Tongenerator oder CD mit Messfrequenzen drauf) und ein Wechselspannugsmessgerät (Multimeter in der AC-Stellung, aber Anmerkung, die messen meist nur bis 8kHz linear, darüber hinaus entstehen Messfehler). Gemessen wird direkt an den Lautsprecheranschlüssen (Vorsicht wegen der Dauertöne, möglichst kurz messen! Spannung etwa um die 4-5 Volt wählen, das ist schon ziemlich laut).
Ändert sich die mit dem Lautstärkesteller vorher eingestellte Ausgangsspannung (für die Grundeinstellung am besten eine mittlere Frequenz um die 500Hz wählen) bei sich ändernder Frequenz nicht oder kaum, arbeitet der Verstärker stromstabil (zumindest einmal in diesem Pegelbereich, darüber hinaus kann sich das bei schwachen Verstärkern ändern). Schwankt die Ausgangsspannung relativ stark (10% oder mehr), so soundet der Verstärker und das wird auch hörbar sein.

Noch ein paar Anmerkungen dazu
→ Bisher wurde immer vom „HiFi-Normalfall“ ausgegangen, also ein Verstärker mit daran angeschlossenen passiven Lautsprechern.
So ganz frei von dieser Problematik sind nämlich aktive Lautsprecher auch nicht, aber dort gibt es zumindest keine Bauteile zwischen den Verstärkern und den Lautsprecherchassis, was die Sache sehr „entschärft“.
-> Lautsprecherkonstrukteure die diese Problematik kennen, versuchen so gut es geht, impedanzkorrigierende Maßnahmen zu setzen. Das bedeutet aber Mehraufwand und perfekt gelingt so etwas trotzdem nie.
-> Magnetostaten haben von Haus aus einen recht flachen Impedanzverlauf. Hätten sie nicht meist noch schwachen Wirkungsgrad, wären sie für alle Verstärker eine problemlose und ideale Last.
-> Röhrenverstärker mit Ausgangstrafos (der Normalfall) sind „besonders weich“, dadurch sounden sie extrem.
-> Dünne und lange Lautsprecherkabel fördern diesen Effekt noch, so wie auch jeder sonstige Widerstand zwischen Verstärker und Lautsprecher.